Duitse prof weigert BaMa

Nieuws | de redactie
11 mei 2009 | Professor Marius Reiser wil niet meer werken in het HO. De invoering van BaMa vindt de theoloog uit Mainz de afschaffing van de universiteit. “Es geht nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um Ausbildung.”

UniSPIEGEL: Professor Reiser, fehlt es den deutschen Hochschullehrern an Courage?

Reiser: Ja, ohne Zweifel. Sie lassen sich Dinge gefallen, die sie sich nicht gefallen lassen müssten. Sie sehen einfach widerstandslos zu, wie mit dem Diplom ohne Not ein Studienabschluss abgeschafft wird, um den wir weltweit beneidet werden. Dafür fehlt mir jedes Verständnis.

UniSPIEGEL: Sie klingen, als ginge es um den Untergang des Abendlands, nicht um die Reform von Studiengängen.

Reiser: Es geht um die Abschaffung der Universität.

UniSPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht etwas?

Reiser: Nicht im Geringsten. Wenn man all das abschafft, was eine Universität ausmacht, dann schafft man die Universität selbst ab. Die Universität war bisher autonom, und ihr Ziel hieß Bildung. Jetzt wird sie abhängig von den Vorgaben der Wirtschaft. Es geht nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um Ausbildung. Der Student kann nicht mehr selbst wählen, welche Schwerpunkte er im Studium setzen will, sondern er bekommt, wie in der Schule, alle Inhalte haarklein vorgeschrieben und in einen engen Stundenplan gepresst. Das ist das Ende der akademischen Freiheit. Daran will ich mich nicht beteiligen.

UniSPIEGEL: Die Umstellung auf Bachelor und Master soll Studienabschlüsse europaweit vergleichbar machen und den Uni-Wechsel im Studium erleichtern. Das sind doch hehre Ziele.

Reiser: Die stehen aber nur auf dem Papier. Wenn man wirklich vergleichbare Abschlüsse haben wollte, müsste man alle Universitäten gleich gestalten. Alle müssten die gleichen Disziplinen und die gleiche Personalausstattung haben, überall müssten die genau gleichen, langweiligen Inhalte gelehrt werden. Eine furchtbare Vorstellung! Und Universitätswechsel werden durch den Bachelor-Studiengang sogar noch erschwert, weil die Stundenpläne so starr und eng sind. Viele Studierende werden sich angesichts des großen Pflichtprogramms gar nicht mehr trauen, während des Studiums ins Ausland zu wechseln.

UniSPIEGEL: Gerade die Diplom-Studiengänge, die Sie retten wollen, sind aber heute oft schon stark verschult.

Reiser: Sie sind es vor allem an den Fachhochschulen. Dort ist das ja auch in Ordnung. Aber doch bitte nicht an den Universitäten, wo eine Bildungselite an die Wissenschaft herangeführt werden soll. Wissenschaft heißt, selbständig denken, argumentieren und urteilen zu lernen, nicht, vorgegebenen Lernstoff für Prüfungen zu pauken.

UniSPIEGEL: Glauben Sie nicht, dass kluge Studenten es auch künftig schaffen werden, links und rechts des vorgeschriebenen Lehrstoffs interessante Inhalte aufzuspüren?

Reiser: Es wird viel, viel schwerer. Denn es soll ja auch ständig Prüfungen geben, in denen der Stoff gleich wieder abgefragt wird. Dadurch entsteht übrigens auch für die Hochschullehrer ein riesiger Verwaltungs- und Korrekturaufwand. Mir persönlich bliebe in einem solchen System kaum noch Zeit für gründliche Forschung.

UniSPIEGEL: Wovon wollen Sie, nach 18 Jahren an der Hochschule, künftig leben?

Reiser: Ich bin ein genügsamer Mensch, ich habe kein Auto und keinen Fernseher. Ich werde die Zeit nutzen, um ein Buch zu überarbeiten, und hoffe, dass ich den einen oder anderen Vortrag halten kann.

UniSPIEGEL: Enttäuscht es Sie, dass keiner Ihrer Kollegen Ihrem Weg gefolgt ist?

Reiser: Nein, das würde ich von niemandem verlangen. Viele, die positiv auf meine Ankündigung reagiert haben, müssen eine Familie ernähren oder haben andere Verpflichtungen. Unverständlich ist mir aber, dass etliche Kollegen nicht einmal den Widerstand leisten, den sie ohne jedes Risiko leisten könnten. Wenn früher die Aufforderung kam, eine kurzfristige Stellungnahme zu Studiengängen oder Prüfungsordnungen abzugeben, hat der Dekan zurückgeschrieben, wir brauchten dafür Zeit und würden Bescheid geben, wenn wir fertig sind. Damit hätte man auch die unsinnigen neuen Verordnungen für lange Zeit auf Eis legen können. Stattdessen aber wird heute allen Aufforderungen sofort gehorsam Folge geleistet.

UniSPIEGEL: Sie haben die Studierenden aufgerufen, sich zu wehren, und an Mahatma Gandhi erinnert. Ging es nicht auch eine Nummer kleiner?

Reiser: Gandhi habe ich nur wegen der Methoden erwähnt, mit denen ein demokratischer Widerstand möglich wäre. Die Studierenden erkennen langsam selbst, was auf sie zukommt und dass sie zu einem Studienabschluss gezwungen werden, mit dem sie später kaum etwas anfangen können. Mit einem Bachelor können sie ja nicht einmal Grundschullehrer werden!

UniSPIEGEL: Mit Ihrem Ausscheiden aus der Universität geben Sie aber auch die Chance auf, die Schwächen des Systems zum Wohle Ihrer Studenten auszugleichen.

Reiser: Zu verbessern gibt es da nichts. Das System ist von vorne bis hinten Murks. Wenn man wenigstens erst einen Modellversuch gemacht und das System an ausgesuchten Hochschulen ein paar Jahre lang erprobt hätte, dann hätte man schon gemerkt, dass es nicht funktioniert. Aber nicht einmal das ist passiert. Nun wird eine komplette Studentengeneration das absehbare Chaos ausbaden müssen. Ich habe mich entschieden, da nicht mitzumachen.

[bron: Der Spiegel]


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